Wenn Verhalten süchtig macht.

Was zählt zu den Verhaltenssüchten? Wie entstehen Sie? Und wo setzt die Prävention an? Präventionsexperte Jan-Michel Gerber ordnet ein.

Grafik: partner & partner 

Weiterspielen trotz Schulden, schlechte Noten wegen nächtelangem Gamen, Erektionsprobleme durch Pornokonsum: Wenn Verhaltensweisen eine suchtartige Form annehmen, können betroffene Personen ihr Verhalten nicht mehr kontrollieren und üben es weiter aus, obwohl es einen Leidensdruck und Probleme verursacht. Zudem beschäftigen sich die Personen gedanklich stark mit dem Verhalten. Sie vernachlässigen Verpflichtungen oder soziale Beziehungen, um mehr Zeit für die Tätigkeit zu haben. Bestehen mehrere dieser Merkmale gleichzeitig über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten, sollte eine professionelle psychologische Abklärung in Erwägung gezogen werden.

Wenig Zahlen aus der Schweiz

Offiziell kennt die Wissenschaft zwei Verhaltenssüchte: die Glücksspielsucht (offiziell Glücksspielstörung) und die Gamesucht (offiziell Computerspielstörung). Die umgangssprachlichen Süchte wie Kaufsucht, Onlinesucht oder Pornosucht sind wissenschaftlich noch nicht abschliessend definiert. Fachleute sind sich aber einig, dass diese Verhaltensweisen suchtartige Formen annehmen können. Wie eine Sucht gemessen wird und ab wann von einer Sucht gesprochen werden kann, muss durch zahlreiche Studien und im weltweiten Kontext definiert sein. Entsprechend lange dauert es, bis eine suchtartige Verhaltensweise in den Diagnosemanuals auftaucht. Wie viele Personen in der Schweiz von einer Verhaltenssucht betroffen sind, ist nicht ganz einfach zu bestimmen. Oft existieren für die Schweiz eine eigenen Zahlen oder es wurden nur bestimmte Altersgruppen untersucht. Auch sind ältere Daten mit Vorsicht zu geniessen, da die Digitalisierung ein Treiber der Verhaltenssüchte ist. Fachleute gehen davon aus, dass die Fallzahlen steigen.

Verhaltenssüchte in Zahlen

  • 6,6 % der Schweizer Bevölkerung sind von Glücksspielsucht betroffen.
  • 3 % der Bevölkerung weltweit zeigen Gamesucht.
  • 7,8% der Schweizer Bevölkerung sind von suchtartigem Kaufen betroffen.
  • 1-4 % haben laut einer australischen Studie einen suchtartigen Pornokonsum.
  • 7,1 % der 11–15-Jährigen in der Schweiz zeigen eine problematische Nutzung von Social Media.

Wie oben zu sehen ist, bewegen sich die verfügbaren Zahlen für die verschiedenen Verhaltenssüchte zwischen 3 % und gut 7 %. Das sind zwischen 270 000 und 630 000 Menschen in der Schweiz.

Von Dopamin gesteuert

Bei Verhaltenssüchten finden im Hirn ähnliche Prozesse statt wie bei Substanzsüchten: In beiden Fällen wird das Belohnungszentrum im Hirn aktiviert, wobei verstärkt Dopamin ausgeschüttet wird. Dadurch entsteht ein angenehmes Gefühl. Dieser Mechanismus ist beim Menschen evolutionär bedingt: Er wird beispielsweise beim Naschen von süssen Beeren oder beim Sex ausgelöst. Das waren und sind erhaltensweisen, die sich gut anfühlen und so das Überleben des Menschen sichern. Bei allen Verhaltenssüchten gibt es Momente, die eine erhöhte Dopaminausschüttung bewirken: Bei Glücksspielen ist es unter anderem die Spannung kurz vor dem Gewinn, die eine Art Rausch auslöst.

“Web-Services sind so designt, dass sie besonders oft Glücksgefühle hervorrufen.”

Gleich wie eine Drogensucht

Wird oft und in hohem Masse Dopamin ausgeschüttet, stumpft das Empfinden ab und es braucht – ähnlich wie bei einer Substanzabhängigkeit – immer mehr von dem Verhalten, um ein Glücksgefühl herbeizuführen. Expert:innen sprechen deshalb auch bei Verhaltenssüchten von einer Toleranzsteigerung. Das Resultat sind höhere Einsätze beim Geldspiel, längere Nutzungszeiten bei Games bzw. sozialen Medien oder das Kaufen weiterer Artikel. Eine weitere Parallele zwischen Verhaltenssüchten und Substanzsüchten ist z. B. das Herunterspielen des eigenen Verhaltens. Betroffene verschliessen die Augen davor, dass sie das Verhalten nicht mehr im Griff haben, und holen sich entsprechend spät Hilfe. Menschen mit einer Glücksspielsucht haben beim Eintritt in die Therapie nicht selten Schulden in Höhe von mehreren tausend oder gar hunderttausend Franken. Manche haben sogar Partner:innen und/oder ihren Job verloren. Der Leidensdruck dieser Menschen ist enorm. Neben den genannten Auswirkungen ist es vor allem die Scham, die ihnen zusetzt. So erstaunt es wenig, dass in der Therapie auch häufig Suizidalität zum Thema wird.

Viele Faktoren spielen mit

Da Verhaltenssüchte aus alltäglichen Verhaltensweisen entstehen können, wird oft übersehen, dass diese Menschen im medizinischen Sinne krank sind. Eine Verhaltenssucht hat nichts mit einem schwachen Willen zu tun. Zur Entstehung einer solchen Krankheit tragen viele Faktoren bei. So etwa die einfache  Verfügbarkeit rund um die Uhr, Werbung und die Schwierigkeit, sich alltäglichen Verhaltensweisen wie etwa dem Einkaufen gänzlich zu entziehen. Einige Menschen tendieren genetisch eher zu einem  Suchtverhalten als andere und auch ADHS, Depressionen oder Angststörungen können eine Suchtentwicklung

begünstigen. Die Erfahrung der Therapeut:innen des Zentrums für Spielsucht und anderer Verhaltenssüchte zeigt, dass auch die Familie ein wichtiger Einflussfaktor ist. Belastete Familiensysteme können eine Suchtentwicklung begünstigen, während ein funktionierendes und unterstützendes Familiensystem ein wichtiger Schutzfaktor ist.

Was können wir tun?

Betroffene Menschen und ihr Umfeld sollten sich möglichst frühzeitig Hilfe holen und sich beraten lassen. Hilfsangebote wie etwa das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte bieten auch anonyme und niederschwellige Beratungen an. Die Gesellschaft sollte die Tragweite von suchtartigen Verhaltensweisen erkennen und verstehen, dass es sich dabei um Krankheiten handelt, die einer professionellen Behandlung und entsprechender Ressourcen bedürfen. Gleichzeitig ist nicht jedes intensive Verhalten mit einer Verhaltenssucht gleichzusetzen. Ein offener Dialog und ein ehrliches Interesse am Gegenüber sind die Basis für ein differenziertes Verständnis menschlicher  Verhaltensweisen.

Jan-Michael Gerber

arbeitet als Experte für Prävention und Gesundheitsförderung bei der Schweizerischen Gesundheitsstiftung RADIX im Bereich «Gesunde Gemeinden » sowie im Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte.

stark. 2025-2 | 

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