Die ganze Gesellschaft braucht
mehr Medienkompetenz

Medienpädagogin Eveline Hipeli (EH) und Verhaltenssuchtspezialist Domenic Schnoz (DS) diskutieren darüber, warum wir das Handy einfach nicht weglegen können, wie digitale Medien abhängig machen können und warum wir sie trotzdem nicht verteufeln sollten.

Bilder: Marvin Zilm / 13Photo

Wir alle kennen es: Wir scrollen und scrollen und können uns kaum losreissen. Warum eigentlich?

Domenic Schnoz: Ein Smartphone ist grundsätzlich einmal ein tolles Gerät. Damit kann ich mich mit anderen verbinden und mich informieren. Dass es uns derart fesselt, liegt zudem daran, dass die Algorithmen wahnsinnig gut darin sind, Interessen zu erkennen. So zeigen mir die Plattformen auf mich zugeschnittene, endlose Inhalte. Das aktiviert das Belohnungssystem im Hirn. Dieser biologische Vorgang führt dazu, dass wir dranbleiben und mehr wollen. Hinter diesem Mechanismus stehen handfeste finanzielle Interessen: Je länger man auf einer Plattform bleibt, desto mehr verdient diese.

Eveline Hipeli: Für Kinder und Jugendliche sind digitale Medien auch eine Probebühne. Sie finden hier Gleichgesinnte und haben ihre eigenen Räume. Das ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Die Sorge, was denn dieser quasi permanent zugängliche Medienkonsum mit den Kindern und Jugendlichen macht, entstand, als das Smartphone ein Massenphänomen wurde.

Wo fängt denn problematisches Verhalten an? 

DS: Das ist sehr komplex, aber vereinfacht gesagt: sobald ich beginne, die Kontrolle zu verlieren. Das heisst, wenn ich Aufgaben in Alltag, Schule oder Arbeit nicht mehr gleich gut bestreiten kann oder Menschen und Hobbys vernachlässige, die mir vorher wichtig waren. Das sind Alarmsignale.

EH: Zu ergänzen ist noch die Dimension Zeit. Wenn man die neuste Playstation zu Weihnachten bekommt, wird man erst mal viel Zeit damit verbringen wollen. Solche Peaks sind normal. Problematisch wird das Verhalten erst durch eine längere Dauer über mehrere Monate. Wir wissen aber, dass die Mehrheit keinen problematischen Medienkonsum zeigt. Suchtgefährdetes Verhalten zeigt je nach Studie nur ein rund einstelliger Prozentbereich der Nutzenden.

Domenic Schnoz, Eveline Hipeli

Welche Entwicklungen beobachten Sie spezifisch bei Jugendlichen? Wo bleiben diese am meisten hängen?

EH: Hier zeigt sich ein sehr breites Bild. Die sozialen Medien sind sehr beliebt. Immer jüngere Kinder haben ein Smartphone und so betreffen auch Grooming und Mobbing immer Jüngere.

DS: Ebenfalls weit verbreitet sind sogenannte Dark Patterns. Auf vielen Plattformen, in Shops oder Games. Da braucht es mehr Sensibilisierung. Dark Patterns sind darauf ausgelegt, die Nutzenden zu Handlungen zu verleiten, die deren Interessen entgegenlaufen bzw. die sie gar nicht machen wollen.

EH: Ein gutes Beispiel dafür ist das mobile Multiplayer-Spiel «Brawl Stars», das aktuell beliebteste Game in der Schweiz. Das Spiel ist schön bunt und sieht relativ harmlos aus. Es enthält jedoch bei genauerer Betrachtung Glücksspielelemente.

” Technologie-Konzerne könnten einen Teil ihres Gewinns für Prävention abgeben.”

Suchtmittel wie Alkohol und Zigaretten sind reguliert. Braucht es ähnliche Regulierungen für Algorithmen?

EH: Selbstverständlich braucht es Altersbeschränkungen, und es gibt auch Bestrebungen, diese stärker durchzusetzen. Aber wir befinden uns jetzt in einer Entwicklung, die immer schwieriger zu regulieren ist. Ganze Plattformen zu verbieten, ist fast nicht machbar.

DS: Genau. Wo ich einen Ansatz sehe, ist bei den Wirkungskosten. Es ist vorstellbar, dass Technologiekonzerne einen Teil ihres Gewinns für Prävention und Förderung von Medienkompetenz abgeben. So würden sie finanziell in die Verantwortung genommen wie Tabakkonzerne.

Wie können Eltern und andere Bezugspersonen Kinder und Jugendliche bei einem gesunden Umgang mit digitalen Medien unterstützen?

EH: Viele Eltern sind erst mal überfordert und fragen sich, wie sie sich um Himmels willen mit allem auskennen sollen. Es kommen immer neue Plattformen, Apps und Games hinzu und KI hat das Ganze noch einmal beschleunigt. Das löst Überforderung aus. Oft ist dann die einzige Reaktion, dem Kind das Handy wegzunehmen. Dies bewirkt, dass Jugendliche sich hüten, problematisches Verhalten anzusprechen, denn sie wollen ja nicht ihr Handy verlieren. Eltern sollten darum nicht gleich alles verbieten, sondern über den Medienkonsum reden, und zwar auch über den eigenen. Und über alle Facetten der Medien: positive und negative Seiten.

DS: Genau. Es gilt, in der Beziehung mit den Jugendlichen auf Augenhöhe zu bleiben und sich zu interessieren. «Warum spielst du das Spiel gerne?», «Welche Figur bist du und was kann sie?» wären zum Beispiel Fragen, die Interesse zeigen. Man kann auch mal danebensitzen und zuschauen. Im Übrigen sollten wir auch eine gewisse Konsumakzeptanz an den Tag legen. Der Exzess gehört zur Jugend dazu. Die Frage ist, wie wir sie begleiten, damit sie mit uns darüber reden und letztlich keinen Schaden davontragen.

Gekürztes Interview aus dem Magazin stark. 2-2025. Vollständiges Interview 

Domenic Schnoz

ist Gesamtleiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte bei RADIX in Zürich.

 

Eveline Hipeli

ist Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin. Sie arbeitet als Dozentin an der PHZH.

stark. 2025-2 | 

Wenn Verhalten süchtig macht

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