Häufig unerkannt: Kinder mit FASD

Die fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) kann sich hinter Lernschwierigkeiten, Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder sozialen Konflikten verbergen. Wer die Anzeichen kennt, kann betroffene Kinder wirksamer unterstützen.

Text: Anke Schmidt 

Wenn Mütter während der Schwangerschaft Alkohol trinken, können daraus lebenslange Behinderungen entstehen. Unter dem Begriff FASD werden verschiedene Ausprägungen dieser Schädigungen zusammengefasst. Manche Kinder zeigen körperliche Merkmale. Bei vielen äussert sich FASD jedoch ausschliesslich durch Lern-, Aufmerksamkeits- oder Verhaltensauffälligkeiten. Die Beeinträchtigungen sind lebenslang und nicht heilbar. Aber der Verlauf lässt sich durch passende Unterstützung deutlich positiv beeinflussen. FASD wird weltweit und auch in der Schweiz oft nicht erkannt, deshalb ist seine Häufigkeit nicht geklärt. Schätzungen legen nahe, dass FASD in der Schweiz ähnlich häufig oder gar häufiger vorkommt als Autismus-Spektrum-Störungen. Entsprechend ist statistisch davon auszugehen, dass in vielen Klassen ein Kind mit FASD sitzt.

Herausforderung im Zusammenleben
Kinder mit FASD fallen eher als andere durch Regelverstösse und störende Verhaltensweisen auf, etwa plötzliche Wutausbrüche. Diese lassen sich zu einem wesentlichen Teil auf Schäden im zentralen Nervensystem zurückführen, welche die Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und die Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben, einschränken. Sie können aber auch eine Stress- oder Überforderungsreaktion sein, wenn das Umfeld Anforderungen stellt, die diese Kinder aufgrund ihrer Behinderung nicht erfüllen können.

Warum FASD häufig mit ADHS verwechselt wird
Weil viele der Kinder mit FASD unruhig, impulsiv und leicht ablenkbar wirken, wird zunächst oft an ADHS gedacht. Tatsächlich können sich die Symptome ähneln. Während Kinder mit ADHS mit geeigneter Unterstützung lernen können, ihr Verhalten dauerhaft besser zu steuern, fällt dies Kindern mit FASD aufgrund der Hirnschädigung schwerer.

Kinder brauchen Verständnis
Damit Kinder mit FASD sich günstig entwickeln können, braucht es zunächst Wissen und Verständnis. Denn diese Kinder sind nicht ungehorsam oder frech, wenn sie Anweisungen nicht befolgen, immer wieder die gleichen Fehler machen, sich verspäten oder Hausaufgaben unvollständig abgeben. Vielmehr haben sie Schwierigkeiten, verbale Anweisungen zu verstehen und umzusetzen, Erlebtes auf andere Situationen zu übertragen, sich zu strukturieren und sich Dinge zu merken.

Je konkreter, desto besser
Eine festgelegte Tagesstruktur, Routinen und Wiederholungen geben den Kindern Halt. Eine reizarme Umgebung erleichtert die Konzentration. Einfache Regeln und kleinschrittige Anweisungen unter Blickkontakt ermöglichen, dass Anforderungen verstanden und Aufgaben erfüllt werden. Dabei gilt: Je konkreter, desto besser, z. B. «Leg die Legosteine in die Kiste und die Plüschtiere auf den Sessel», anstatt «Räum dein Zimmer auf!».

Daneben braucht es Unterstützung im Umgang mit anderen. Rückmeldungen geben, wenn Verhalten unangemessen ist, und erklären, warum andere verärgert sind, gibt Orientierung. Auch können Kinder mit FASD Sozialverhalten konkret üben, z. B. zu fragen, ob sie mitspielen dürfen. Gleichzeitig sollten positive Erfahrungen ermöglicht bzw. aktiv befördert werden, z. B. indem kleinere, bewältigbare Aufgaben gegeben werden. Dies stärkt auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Hierzu können besondere Interessen und Begabungen gezielt genutzt werden.

Familien unterstützen
Ein Teil der Kinder wächst nicht bei den leiblichen Eltern auf, vor allem jene mit starken Behinderungen. Zahlen aus Deutschland zeigen, dass 20–25 Prozent aller Pflegekinder von FASD betroffen sind. Leben die Kinder bei ihren leiblichen Eltern, kommt möglicherweise eine Suchterkrankung als erschwerender Faktor hinzu. Auch suchterkrankte Eltern möchten in aller Regel gute Eltern sein und wünschen sich das Beste für ihr Kind. Suchterkrankungen können aber die Versorgung und Förderung der Kinder beeinträchtigen, wobei deren Fähigkeiten behinderungsbedingt bereits eingeschränkt sind.

Fachleute beiziehen
Wenn ein Schulkind mit unten genannten Merkmalen auffällt oder wenn das Wohl des Kindes durch eine mögliche elterliche Suchterkrankung gefährdet scheint, sollten Bezugspersonen Rat und Unterstützung bei Fachpersonen einholen, etwa bei der Schulsozialarbeit, der Schulpsychologie oder einer Suchtpräventions- oder Suchtberatungsstelle. Dabei kann der Fall zunächst anonym geschildert werden.

Aufklärung und ein gesellschaftlich tabufreier Umgang mit FASD kommt letztlich allen zugute. Den Kindern, die bestmögliche Förderung erhalten, den Eltern und Pflegeeltern, denen die Inanspruchnahme von Hilfe erleichtert wird, und allen weiteren Bezugspersonen, die das Verhalten der Kinder einordnen und angemessen darauf reagieren können.

Anke Schmidt

ist Diplompädagogin und Organisationsmanagerin. Sie arbeitet beim Samowar Meilen in der Fachstelle Prävention.

Auf einen Blick

  •  FASD bezeichnet alle durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft verursachten Entwicklungsstörungen.
  • FASD wird oft nicht erkannt oder mit ADHS verwechselt.
  • In vielen Klassen sitzt vermutlich ein Kind mit FASD.
  • Je mehr man über FASD weiss, desto besser können diese Kinder gefördert werden.

Was ist typisch für FASD?

Eingeschränkte Lernfähigkeit 

Aufgrund der Hirnschädigungen können Kinder mit FASD komplexe oder abstrakte Zusammenhänge nicht verstehen und Erlerntes kaum auf andere Situationen übertragen. Viele haben Probleme mit der Aufmerksamkeit.

Soziale Probleme

Kindern mit FASD fällt es eher schwer, soziale Grenzen und Signale angemessen einzuschätzen. Weil ihnen die soziale Einschätzung anderer Menschen eher schwerfällt, werden sie leichter ausgenutzt. Sie zeigen erhöhtes Risikoverhalten, weil sie Gefahren weniger gut einschätzen können.

Körperliche Merkmale

Wachstumsstörungen, ein kleiner Kopf und typische Gesichtsmerkmale wie kurze Lidspalten, eine dünne Oberlippe und eine kaum sichtbare Rinne zwischen Nase und Oberlippe kommen vor allem beim fetalen Alkoholsyndrom (FAS), dem Vollbild der FASD, vor. Viele Kinder mit FASD haben keine körperlichen Merkmale.

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