Zwei Seiten einer Medaille

Sind die sozialen Medien ein hilfreiches Tool, um Gleichgesinnte zu finden, oder eine gnadenlose Suchtmaschine? Die Antwort der Forschung: beides! Ein Blick auf Chancen und Risiken für Jugendliche.

Text: Laura Baumann und Isabel Willemse 

In Gesprächen betonen Jugendliche, dass soziale Medien für sie wichtig sind und ihnen viel Positives ermöglichen: Kommunikation, Beziehungsgestaltung, Unterhaltung und Identitätsfindung. Ganz anders verläuft der öffentliche Diskurs: Er verhandelt Social Media primär als Risiko für Jugendliche. Was stimmt nun?

Risiken empirisch betrachtet

Ob sich Social Media negativ auf die psychische Gesundheit auswirken, hängt von vielen Aspekten ab. So etwa von den individuellen Voraussetzungen der Nutzenden, dem Inhalt, der Dauer und der Art der Nutzung und anderem mehr. Studien, die die Nutzung nicht differenziert untersuchen, zeigen nur geringe oder widersprüchliche Zusammenhänge. Studien, die die Nutzung differenziert untersuchen, finden allerdings Zusammenhänge zwischen

  • suchtartiger Nutzung sozialer Medien (also übermässige und schwer kontrollierbare Nutzung sozialer Medien, die trotz negativer Folgen fortgesetzt und anderen Lebensinteressen und täglichen Aktivitäten vorgezogen wird) und geringerem Wohlbefinden, erhöhten Depressions-, Angst- und Stresswerten sowie tieferem Selbstwert, 
  • Cybermobbing, sexueller Belästigung, Cybergrooming, Hate Speech sowie diskriminierenden und selbstverletzenden Inhalten einerseits und Symptomen von Depression, Angst, selbstverletzendem Verhalten und Suizidgedanken andererseits, 
  • problematischer abendlicher und nächtlicher Nutzung von Social Media und schlechterem, kürzerem Schlaf wobei Wechselwirkungen entstehen können. 

Zudem wird vermutet, dass das jugendliche Gehirn aufgrund der hohen Hirnplastizität und der laufenden Entwicklungsprozesse besonders sensibel auf die Nutzung sozialer Netzwerke reagiert. Empirische Befunde hierzu sind bislang jedoch kaum vorhanden.

In der Diskussion um schädliche Auswirkungen von Social Media sollte nicht vergessen werden, dass Ursachen psychischer Probleme in der Regel multifaktoriell sind und dass Kinder und Jugendliche primär von der analogen Welt geprägt werden. Dass diese für Jugendliche wichtig ist, zeigt z. B. eine Befragung von Pro Juventute zu deren Belastungsfaktoren. Dort rangieren etwa Leistungsdruck und Konflikte in der Familie vor Social Media, die als Stressor erst auf Platz 13 auftauchen.

Ursachen für die suchtartige Nutzung

Die erwähnte suchtartige Social-Media-Nutzung ist doppelt zu verstehen: Einerseits ist sie eine mögliche Ursache für psychische Störungen. Andererseits gelten Suchterkrankungen selbst als psychische Störungen, auch wenn die medizinischen Diagnosemanuals «Social-Media-Abhängigkeit» noch nicht als eigenständige Diagnose kennen.

Schätzungen zufolge nutzen rund 7 Prozent der 11- bis 15-Jährigen Social Media suchtartig, also übermässig und schwer kontrollierbar, wobei die Nutzung von Social Media trotz negativer Folgen fortgesetzt und anderen Lebensinteressen und täglichen Aktivitäten vorgezogen wird. Als personenbezogene Risikofaktoren gelten eine Veranlagung für Depressionen und Ängste, emotionale Instabilität und geringe Selbstkontrolle sowie die Neigung zu Sensation Seeking (nach aufregenden Erfahrungen suchen). Zu den sozialen Risikofaktoren zählen Mobbing, Ausgrenzung und andere negative Erfahrungen mit Gleichaltrigen. Ebenfalls bedeutsam sind ein schwaches Vertrauensverhältnis zu den Eltern sowie geringe elterliche Sicherheit bei der Begleitung der Mediennutzung ihrer jugendlichen Kinder.

Die Ursachen liegen aber auch stark in der Ausgestaltung der Plattformen selbst, die mit verschiedenen Funktionen dafür sorgen, dass Nutzende möglichst lange und regelmässig online sind. Solche sogenannten Dark Patterns sind den Nutzenden meist nicht bewusst. Ein Beispiel dafür sind die «Flammen» zwischen Kontakten auf Snapchat, die man verliert, wenn man nicht jeden Tag mindestens ein Foto hin und her schickt. Ein Beispiel auf TikTok ist das Endlos-Scrollen: Nach jedem Video wird sofort automatisch das nächste angezeigt, es gibt keinen Schlusspunkt und man wird nie gefragt, ob man weiterschauen will.

«Die Ursachen liegen auch stark in der Ausgestaltung der Plattformen.»

Forschung zeigt auch Chancen

Social Media tragen zur sozialen Unterstützung bei. Dies konnte in einer Metaanalyse gezeigt werden. Sie können zum Aufbau und zur Pflege von Beziehungen beitragen und das Zugehörigkeitsgefühl stärken, sofern sie nicht suchtartig genutzt werden. Zudem können sie helfen, negative Emotionen und Stimmungen zu bewältigen, sei dies durch lustige und unterhaltsame Inhalte oder durch konkrete Strategien, die geteilt werden.

Social Media können insbesondere für Jugendliche, die aufgrund von Behinderung, Erkrankung, finanziellen Belastungen, ihrer sexuellen Orientierung oder aus anderen Gründen ausgeschlossen sind, einen Raum für Austausch bieten.

Damit die Chancen von Social Media genutzt werden können, müssen weiterhin Medienkompetenz und Medienerziehungskompetenz gefördert werden. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Informationen auf ihre Echtheit und Qualität zu prüfen.

Ein wichtiger Schutzfaktor ist eine vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche schützende Regeln auch wirklich einhalten und bei negativen Erfahrungen Erwachsene beiziehen. Auf persönlicher Ebene schützen insbesondere ein gutes Selbstwertgefühl, hohe Sozialkompetenz, Stressbewältigungs- und Kommunikationsfähigkeit.

Was heisst das für die Zukunft?

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass soziale Medien Chancen und Gefahren aufweisen. Aufgabe der Gesellschaft und der Erziehungsberechtigten ist es, die Jugendlichen beim Umgang mit den Risiken zu begleiten und ihnen gleichzeitig die positiven Möglichkeiten aufzuzeigen. Neben pädagogischen Massnahmen braucht es auch gesellschaftlichen Druck auf die Plattformen selbst, um die Nutzenden, insbesondere Kinder und Jugendliche, besser zu schützen.

Laura Baumann und Isabel Willemse

arbeiten an der ZHAW im Departement Angewandte Psychologie in der Fachgruppe Medienpsychologie.

 

Auf einen Blick:

  • Social Media bieten Chancen: Sie fördern Austausch, soziale Unterstützung und Zugehörigkeit.
  • Gleichzeitig bergen sie Risiken: suchtartige Nutzung, Cybermobbing, problematische Inhalte sowie Nutzung am späten Abend und in der Nacht können zu psychischen Belastungen führen.
  • Wichtige Schutzfaktoren sind Medienkompetenz, stabile Beziehungen zu Bezugspersonen und Sozialkompetenz.
  • Plattformbetreiber und Gesellschaft sind gefordert, Kinder und Jugendliche besser vor Risiken zu schützen.

Was gehört zu Social Media? 


Heute verschwimmen die Grenzen zwischen Messengerdiensten, Musik- oder Videoplattformen und Social Media. So dient etwa WhatsApp zwar vor allem als Messenger, bietet mit Statusmeldungen und Kanälen aber auch typische Social-Media-Funktionen.

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Soziale Medien

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Hilfe bei suchtartiger Nutzung 

  • Das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte bietet telefonische Kurzberatung und kann geeignete Stellen vermitteln.
    spielsucht-radix.ch
  • jugendberatung.me zeigt alle Jugendberatungsstellen im Kanton Zürich an. 
  • Die KJZ beraten Eltern und Familien: zh.ch/kjz

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