«Sind die neuen E-Nikotinprodukte Fluch oder Segen?»
Die Suchtpräventionsexpertin Dominique Lorandt und der Hausarzt und Forscher Reto Auer diskutieren über die Bedeutung der neuen E-Nikotinprodukte für die Gesundheit und über Präventionsmassnahmen.
Bilder: Marvin Zilm / 13Photo
Bei den Jugendlichen hat sich der Konsum von E-Nikotinprodukten innerhalb von zwei Jahren nahezu verdoppelt. Wie ist das einzuordnen?
Dominique Lorandt: Dass das so ist, erstaunt wenig. Die Nikotinindustrie spricht mit den bunten Designs der Vapes und feinen Aromen wie Limonade oder Candy eindeutig Jugendliche an und es hat ewig gedauert, bis das Verbot des Verkaufs an Kinder und Jugendliche kam. Bis im Oktober 2024 konnte man diese Vapes überall problemlos kaufen.
Reto Auer: Wir wissen aus der Forschung, dass das Marketing und die Werbung der Industrie tabak- und nikotinhaltige Produkte normal erscheinen lässt – gerade bei Jugendlichen.
DL: Ebenfalls mit Sorge beobachten wir, dass viele Jugendliche von Vapes auf herkömmliche Zigaretten umsteigen – mit nochmals deutlich höheren gesundheitlichen Risiken.

Die neuen Produkte werden teilweise als «gesündere Alternative» zu herkömmlichen Zigaretten beworben – zu Recht?
RA: Das ist Health-Washing. Diese Produkte sind weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten. Sie bleiben aber schädlich.
DL: Genau das finde ich in der Prävention eine Herausforderung. Wir sagen den Jugendlichen: «Hände weg von Vapes!» Gleichzeitig hören Teenager aber, dass Vapen weniger schädlich ist als Rauchen. Das erschwert die Präventionsarbeit, denn es verharmlost in den Ohren Jugendlicher diese Produkte.
RA: Es ist eine Frage der Perspektive. Jede zweite Person, die über Jahre hinweg raucht, stirbt frühzeitig daran. Mit den Vapes kann man von herkömmlichen Zigaretten wegkommen – das ist wissenschaftlich gut untersucht. Für Menschen, die rauchen und noch nicht ganz damit aufhören können, kann der Umstieg auf weniger schädliche E-Produkte oder andere Nikotinprodukte wie Kaugummi oder Pflaster darum eine vorübergehende Lösung sein.
DL: Einverstanden. Was mich stört, ist, dass die Bevölkerung immer noch von der Industrie in die Irre geführt wird. Auch E-Produkte enthalten schädliche Inhaltsstoffe wie Lösungsmittel, Metalle und andere toxische Substanzen. Und sie machen sehr schnell süchtig. Hinzu kommt, dass es noch keine Langzeitstudien gibt, da die Produkte relativ neu sind. In den 50erJahren wurden herkömmliche Zigaretten ebenfalls als unbedenklich beworben – bis man schliesslich die massiven gesundheitlichen Risiken erkannte.
“Wer kein Nikotin konsumiert, sollte nicht damit beginnen – egal in welcher Form.”
RA: Ja genau, Nikotin kann ein starkes Suchtverhalten auslösen. Das gilt besonders für E-Produkte, denn man kann mit E-Produkten sehr hohe Dosen Nikotin einnehmen, ohne dass man das unmittelbar spürt. Wer zum ersten Mal eine Zigarette raucht, der hustet und findet es meist scheusslich. Das ist bei Vapes nicht der Fall. Es ist klar, das sind keine normalen Produkte wie etwa Lebensmittel. Und es ist ein Problem, dass es keine gesetzlichen Vorgaben zu Inhaltsstoffen und Dosierung gibt. Jeder kann einfach solche Produkte lancieren, der Inhalt wird zu selten kontrolliert.
DL: Aus all diesen Gründen habe ich, insbesondere wenn es um Jugendliche geht, eine klar ablehnende Haltung gegenüber den E-Produkten. Ich gehe aber mit Reto einig: Für Menschen, die noch nicht auf hören können mit Rauchen, sollten sie als weniger schädliche Alternative zum Zug kommen.
RA: Aus Sicht der Schadensminderung möchte ich betonen: Die gesundheitlichen Risiken der E-Produkte sind geringer als beim Rauchen. Es ist wichtig, beide Botschaften zu vermitteln: Wer kein Nikotin konsumiert, sollte nicht damit beginnen, egal in welcher Form. Wer raucht und damit nicht aufhören kann, soll versuchen, auf Nikotinprodukte ohne Tabak umzusteigen.
60% der Rauchenden möchten aufhören. Sind die neuen E-Produkte dazu geeignet?
RA: Da muss man zuerst präzisieren: Will jemand nur aufhören, zu rauchen, oder auch vom Nikotin loskommen? Will jemand von beidem loskommen, sind E-Zigaretten keine ideale Lösung. Wichtig ist, dass der Rauchstopp begleitet ist und es genügend Beratungsstellen gibt. Gerade für junge Leute gibt es da noch Lücken.
“Wer raucht und nicht aufhören kann, sollte auf Nikotin- produkte ohne Tabak umsteigen.”
Wie können Eltern und Schulen Kinder und Jugendliche schützen?
DL: Bezugspersonen sollen sich gegen den Konsum von Nikotinprodukten aussprechen und über die Gesundheitsrisiken aufklären. Ihre Haltung ist sehr wichtig, weil sie Normen setzen. So überschätzen Jugendliche oft den Anteil an Rauchenden, obwohl die grosse Mehrheit der Jugendlichen nicht raucht. Wenn ich an Schulen bin, sind die Jugendlichen meist sehr interessiert, wenn ich sie mit den Umweltaspekten konfrontiere. Oder wenn ich aufzeige, welche Lügen die Tabakindustrie den Menschen schon in der Vergangenheit aufgetischt hat. Für Schulen gibt es viele Präventionsangebote.
RA: Und sie sollen Jugendliche, die bereits rauchen oder vapen, wohlwollend unterstützen und Beratungsangebote bekannt machen.
Gekürztes Interview aus dem Magazin stark. 1-2025. Vollständiges Interview
Dominique Lorandt
ist operative Co-Leiterin des kantonalen Tabak- und Nikotinpräventionsprogramms. Sie arbeitet bei der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs (ZFPS).
Reto Auer
ist Hausarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Bern und Professor am Berner Institut für Hausarztmedizin an der Universität Bern. Er leitet dort die Gruppe Substanzkonsum.
stark. 2025-03 | Nikotin – Vapen
Vapen: Jugendliche besser schützen
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Jugendschutz