Wie viel Medien für Kinder unter vier Jahren?
Medienkonsum im Kleinkindalter wirft bei Eltern und Fachpersonen viele Fragen auf: Was ist das richtige Mass, was sind die Auswirkungen und wie kann ich Kinder fördern und schützen? Gabriela Hofer von der Suchtprävention und Raquel Paz Castro vom Marie Meierhofer Institut für das Kind (MMI) tauschen ihre Erfahrungen aus.
Bilder: Michele Limina
Folgende Szene: Im Bus geben Eltern ihrem Kleinkind zur Beruhigung das Handy in die Hand. Was löst das bei euch aus??
Gabriela Hofer: Einerseits eine gewisse Ohnmacht, denn aus suchtpräventiver Sicht sollten digitale Medien möglichst nicht verwendet werden, um von Frust abzulenken. Andererseits aber auch Mitgefühl, denn es fehlt gerade im öffentlichen Raum leider oft an Toleranz für quengelnde Kinder. Da kann ich Eltern schon ein wenig verstehen, die mit dem Handy für Ablenkung sorgen.
Raquel Paz Castro: Ich sehe das Kind am Smartphone und denke an den Teufelskreis, den wir aus der Forschung kennen und den wir nicht wollen: Das Kind merkt «Ich bin quengelig, ich bekomme etwas». Daraus lernt es, dass ein gewisses Verhalten zu einer bestimmten Reaktion führt. Gleichzeitig fühle auch ich mit den Eltern mit, weil ich sehe, dass es ihnen unangenehm ist. Ich frage mich, was ich tun könnte und wie ich das Kind ablenken oder auf die Eltern zugehen könnte.

Ist Medienkonsum bei Kleinkindern bedenklich?
RPC: Häufiger Medienkonsum bei Kindern unter fünf Jahren hat nachweislich negative Auswirkungen. Er beeinträchtigt die Sprachentwicklung, denn er schränkt die soziale Interaktion ein, die für den Spracherwerb zentral ist. Und er kann zu aggressiverem Verhalten oder Schwierigkeiten im Umgang mit Frust führen.
GH: Fachpersonen aus Kindertagesstätten und Spielgruppen berichten uns zunehmend, dass Kleinkinder in der Feinmotorik Defizite haben. Wir vermuten einen Zusammenhang mit Bildschirmmedien. Ausserdem wirkt sich abendlicher Medienkonsum negativ auf die Schlafqualität aus, weil das Bildschirmlicht die Produktion von Schlafhormonen hemmt und ungeeignete Inhalte die Kinder beschäftigen. Sie können dann nicht einschlafen oder haben schlechte Träume.
Wo liegt aus entwicklungspsychologischer Sicht die Grenze beim frühen Medienkonsum? Und gibt es auch ein «Zu wenig»?
GH: Kleinkinder sollten möglichst viele Sinneserfahrungen in der realen Welt machen. Als Orientierung vermitteln wir den Eltern deshalb, bis zum Alter von zwei Jahren möglichst auf digitale Medien zu verzichten und auch danach die Bildschirmzeit gering zu halten. Dabei ist es aber wichtig, Eltern keine Angst zu machen: Kleinkinder entwickeln keine Defizite, wenn sie mal ein Bild auf dem Handy anschauen. Ein «Zu wenig» gibt es nicht, ein Kind verpasst nichts, wenn es als Baby keine digitalen Geräte nutzen konnte.
RPC: Auch wir am MMI vertreten diese Empfehlungen. Für uns ist es zusätzlich wichtig, die Gesamtsituation im Auge zu behalten: Was sind die Risiken für das Kind? Wie sieht seine bestmögliche Entwicklung mit dem kleinstmöglichen Schaden aus?
” Häufiger Medienkonsum bei Kleinkindern hat negative Auswirkungen.”
Kannst du das erläutern?
RPC: Dass Kinder Regeln im Umgang mit Medien brauchen, ist klar. Das gibt ihnen Orientierung und Halt, was ein grundlegendes Bedürfnis von Kleinkindern ist. Wenn Eltern ihnen im Schuhgeschäft erlauben, zehn Minuten eine altersgemäßes Serie zu schauen, tragen die Kinder keinen Schaden davon. Vor allem dann nicht, wenn die Kinder sonst einen abwechslungsreichen Tag haben und die Eltern in die gemeinsame Beziehung investieren. Mir geht es in dieser ganzen Debatte auch darum, den Druck auf die Eltern zu reduzieren. Sie sollen sich nicht ständig fragen müssen, ob sie es jetzt gut oder schlecht machen. Ich möchte betonen, dass laut mehreren Studien der Grossteil der Eltern vieles richtig macht.
GH: Da stimme ich dir zu. Es ist wichtig, den Eltern oder anderen Bezugspersonen keine Schuldgefühle zu machen. Digitalisierung ist eine Herausforderung, die alle Lebensbereiche betrifft. Und Eltern sollten über ihre Unsicherheiten und Schwierigkeiten diesbezüglich offen reden können.
Das Beispiel eingangs zeigt, dass Eltern manchmal Medien einsetzen, um negative Gefühle oder einen Wutanfall des Kindes zu unterbinden. Was ratet ihr diesen Eltern?
RPC: Wir haben in einer Längsschnittstudie am MMI mit über 400 Familien festgestellt: Je häufiger Kinder im Alter zwischen null und drei Jahren über den Tag Frust äußern, desto mehr Bildschirmzeit haben sie. Daran zeigt sich, dass Frustäusserungen des Kleinkindes anstrengend sind und bei den Eltern Stress auslösen. Allerdings konnten sich diese Kinder ein Jahr später nicht schlechter regulieren als Kinder mit weniger Bildschirmzeit. Warum? Zum einen könnte es daran liegen, dass die Kleinkinder, die viel Frust äusserten, in unserer Studie im Schnitt 30 Minuten Bildschirmzeit pro Tag hatten. Wir schliessen aber auch daraus, dass die Eltern die Kinder womöglich den Rest des Tages häufig in ihrem Frust begleitet haben – und somit nicht allzu viele Gelegenheiten verdrängt wurden, um zu lernen, mit Frust umzugehen.
GH: Es ist wichtig, die Situation der Eltern zu verstehen. Unsere Erfahrung ist: Wenn man klare Regeln aufstellt, hat man weniger Gequengel oder Diskussionen wegen digitaler Geräte. Dabei ist es wichtig, dass man nur Regeln vorgibt, die man konsequent durchsetzen kann. Darum ist hier manchmal weniger mehr. Eine Regel, von der auch Familien mit älteren Kindern stark profitieren, ist beispielsweise: «Keine Bildschirme am Esstisch».
RPC: Wenn man Zeit hat, ist es natürlich super, eine Serie zusammen mit den Kindern anzuschauen. Im Sinne der Schadensminderung rate ich aber auch hier: Wenn man einmal nicht direkt dabei sein kann, lässt sich das Thema auch später noch aufgreifen. Es ist nie zu spät, über Medieninhalte zu sprechen.
Ausserdem finde ich die zunehmende Tendenz in unserer Gesellschaft, Kinder vor allem zu schützen, auch problematisch. Das führt in einigen Familien dazu, dass Kinder gar nichts mehr allein machen dürfen. Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass das Bedürfnis von Kindern nach Selbständigkeit mit zunehmendem Alter wichtiger wird.
Begleiten ist das eine, einen gesunden Umgang vorleben das andere. Wie können Eltern gute Vorbilder sein?
GH: Gute Vorbilder zu sein, ist anspruchsvoll, weil auch wir Erwachsenen ständig diesen Reizen ausgesetzt sind. Regeln wie der erwähnte bildschirmfreie Esstisch helfen nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern.
RPC: Familien, die solche Regeln kennen, haben viel gewonnen. Das zeigt auch die Wissenschaft. Ein Problem, das viele Familien beschäftigt, sind die unterschiedlichen Vorstellungen von Mutter und Vater oder anderen Bezugspersonen. Allerdings gilt das für viele Erziehungsfragen, nicht nur den Umgang mit Medien.
” Laut mehreren Studien macht der Grossteil der Eltern vieles richtig.”
Dehnen wir den Altersbereich etwas aus: Wie merkt man, dass ein Kind mit den Medien überfordert ist oder zu oft am Bildschirm ist?
RPC: Wenn Eltern im Alltag die Medienzeit klar begrenzen, das Kind begleiten und für viele reale Lerngelegenheiten sorgen, sich aber trotzdem unsicher sind, ob die digitalen Medien das Kind überfordern, lohnt es sich, den Austausch mit einer Fachperson (z. B. Mütter-Vaeter-Beratung) zu suchen. Entwicklungsbereiche, die in der Regel hellhörig machen, sind die Sprache oder das Verhalten in sozialen Interaktionen.
GH: Dass es zu viel war, merken viele Eltern daran, dass die Kinder nach dem Medienkonsum gereizt sind. Wilde Träume, schlechtes Einschlafen oder plötzliche Ängste weisen auf Überforderung hin, ebenso wie eine Art Abgestumpftheit, also wenn Kinder teilnahmslos werden am Bildschirm. Dies ist ein Selbstschutz des Kindes.
Digitale Anwendungen sind sehr wenig reguliert, es gibt kaum funktionierende Schutzmassnahmen für Kinder und Jugendliche. Seht ihr diesbezüglich Handlungsbedarf?
GH: Ich bin zwar kein Fan von Verboten, aber es geht hier darum, Kinder und Jugendliche vor gesundheitlichen Risiken zu schützen. Es ist nicht in Ordnung, die ganze Verantwortung auf das Individuum zu schieben. Anbieter müssen in die Pflicht genommen werden, ihre Produkte möglichst risikoarm zu gestalten und einen funktionierenden Jugendschutz zu gewährleisten.
RPC: Neben Schutzmassnahmen braucht es vor allem auch mehr Ressourcen. Wir sollten mehr in niederschwellige Angebote investieren, damit möglichst alle Bevölkerungsgruppen davon profitieren können.
GH: Bei legalen Suchtmitteln wie Alkohol, Tabak oder Glücksspiel kennen wir solche Regelungen: Mit Abgaben werden Prävention und Beratung mitfinanziert.
Gabriela Hofer
leitet die Suchtpräventionsstelle der Bezirke Affoltern und Dietikon.
Raquel Paz Castro
ist promovierte Gesundheitspsychologin und Senior Researcher am Marie Meierhofer Institut für das Kind (MMI).
stark. 2026-1 |
Kinder fürs Leben stärken
Lesen Sie das gesamte Magazin zum Thema.